B01 (Baumbach / Bochum)
Erfindungen erzählen – Erzählungen erfinden: Die Poiesis der ‚Ersten Erfinder‘ (prótoi heuretaí) in der antiken Literatur
B01 untersucht, wie die antike griechische und lateinische Literatur Erzählungen über „Erste Erfinder“ (prótoi heuretaí) konstruiert und für selbstreflexive Auseinandersetzungen mit poetischer Kreativität nutzt. Antike Erfindungserzählungen dienen nicht nur der Rückführung kultureller Leistungen auf ihre Ursprünge, sondern artikulieren auch neue literarische Formen, Stile und Innovationsansprüche. B01 bietet eine transkulturelle Perspektive darauf, wie Autoren sich innerhalb der literarischen Tradition verorten und zugleich mit ihr konkurrieren. Besondere Aufmerksamkeit gilt Texten, die Gattungen programmatisch infrage stellen oder hybridisieren, sowie Vergleichen mit ätiologischen und genealogischen Darstellungen und Erfinderlisten.
B02 (Bezner / Freiburg)
Ideen erzählen: Eine Poetik integumentalen Erzählens in der lateinischen Literatur des 12. Jahrhunderts
Das Projekt untersucht lateinische allegorische Dichtung des 12./13. Jahrhunderts (Bernard Silvester, Alan von Lille, Johannes von Hauvilla u.a.) erstmals systematisch aus narratologischer Perspektive. Im Zentrum steht die Frage, wie in diesen integumentalen Texten philosophische Konzepte (Natura, Prudentia etc.) als handelnde Figuren narrativiert werden. Ziel ist die Entwicklung einer Poetik dieser spekulativen Erzählformen zwischen antikem Vorbild und volkssprachlicher Literatur, unter Berücksichtigung der spezifischen Wissensmilieus nordfranzösischer Kathedralschulen.
B03 (Gunsenheimer / Bonn)
Die transkulturelle Übernahme des europäischen Konzepts der „Nation“ als Ausdruck von Alterität und strategischer Komplementarität in indigenen narrativen Geschichtsschreibungen im kolonialen spanischen Lateinamerika (16. und 18. Jahrhundert)
B03 befasst sich mit der Frage, wie indigene Autoren Amerikas das europäische Konzept der „Nation“ als Idee der Zugehörigkeit und Identität in ihre historiographischen Werke über die vorkoloniale Vergangenheit implementierten. Die Kolonialherrschaft im 16. und 17. Jahrhundert bot einen fruchtbaren Boden für die indigene Geschichtsschreibung. Die in indianischen Sprachen verfassten Primärquellen zeichnen sich durch ihre intensive Auseinandersetzung mit spanischen Genres und Themen aus. Bislang wurden sie eher als Beispiele für koloniale Dominanz betrachtet. Die vorliegende Studie konzentriert sich jedoch auf die Analyse unabhängiger narrativer Rationalitäten.
B04 (Müller / Bonn)
Erzählende Konversation – Erzählen in der Konversation: Narrative Strategien und ihre Funktionen im antiken philosophischen Dialog
Narratologische Studien zur griechisch-römischen Antike haben sich kaum mit philosophischen Dialogen befasst, da die Darstellung von Reden im Widerspruch zur Erzählung zu stehen scheint. Dennoch werden Dialoge oft erzählt, und die Erzählung innerhalb der Reden der Figuren ist eine wichtige diskursive Strategie. B04 theoretisiert erstmals die Erzählung als zentrales Merkmal antiker philosophischer Dialoge, indem es die Dialogkorpora von Platon und Cicero analysiert. Insbesondere offenbart die Erzählung interkulturelle Aspekte der Selbstdarstellung und Erkenntnistheorie wie Autobiografie und die Suche nach Selbsterkenntnis.
B05 (Rüggemeier / Bonn)
Markus’ narrative Pneumatologie: Neubewertung des Charakters des „Heiligen Geistes“ (τὸ πνεῦμα τὸ ἅγιον) aus der Perspektive des antiken Dramas, der antiken jüdischen Literatur und der heutigen Kognitionswissenschaft
B05 untersucht das Markusevangelium neu, indem es sich auf dessen vernachlässigte Pneumatologie konzentriert. Entgegen der Ansicht, Markus sei ein grober Erzähler mit einer dürftigen Theologie des Geistes, argumentiert es, dass der „Heilige Geist“ (τὸ πνεῦμα τὸ ἅγιον) als eine „hinter den Kulissen“ agierende Figur fungiert, die aus spärlichen, aber strategischen Hinweisen in der Erzählung aufgebaut ist. Mithilfe der kognitiven Narratologie, des antiken Dramas und der Rhetorik sowie einer genauen philologischen und vergleichenden Analyse rekonstruiert die Studie, wie antike Leser die Rolle des Geistes in der Mission Jesu und in der theologischen Vision des Markus interpretierten.
B06 (Schwermann / Bochum)
Erzählende Ordnung: Allegorien und Beispiele für Regierungsführung in der Klassischen Chinesischen Literatur
Das Teilprojekt untersucht, wie in Han Feizi und Lüshi chunqiu, zwei klassischen chinesischen Traktaten über Fragen der monarchischen Ordnung, die kurz vor Gründung des Kaiserreichs 221 v. Chr. entstanden, Allegorien und Exempla als Argumente eingesetzt werden. Basierend auf der erstmaligen systematischen digitalen Analyse der Produktion narrativer Evidenz in der antiken chinesischen Literatur soll gezeigt werden, welche Folgen Konzeptualisierung und Verwendung von Narrativen als Argumenten für Erzählkunst und Erzähltechniken in China hatten und wie diese transkulturell zu bewerten sind.