A01 (Conermann / Bonn)
Was ist zu erinnern? Narrativität und historisches Denken in Mehmed Girays Krimtatarischer und osmanischer Geschichte (1683–1703)
Wir gehen davon aus, dass die von Mehmed Giray († nach 1703) in seinem Taʾrīkh vermittelte Geschichte ein Konstrukt autorialer Imagination ist, das durch die für die Darstellung vergangener Ereignisse unverzichtbare Narrativität hervorgebracht wird. A01 widmet sich der Edition, Transliteration und Übersetzung dieser Chronik sowie den Fragen: Welche narrativen Strategien lassen sich im Taʾrīkh erkennen? Welche Formen historischer Sinnstiftung, Kontingenzbewältigung und autorialer Intentionalität sind identifizierbar? Welche sprachlichen Mittel werden dazu eingesetzt? Welche logischen Verknüpfungen verleihen dem Text Kohärenz?
A02 (Friede / Bochum)
Narrative Konstellationen: Neue Perspektiven auf den altfranzösischen Prosa-Lancelot-Gral-Zyklus
Das TP reagiert auf das nach wie vor bestehende Desiderat einer systematischen narratologischen Analyse umfangreicher französischen Prosazyklen des 13. Jahrhunderts. Es arbeitet mit der eigens entwickelten narratologischen Kategorie der narrativen Konstellationen, und zwar anhand von drei zentralen Konstellationen, deren Analyse auch für andere Korpora erzählender Texte fruchtbar sein können: (I) Metaliterarizität und Autorität, (II) Praktiken ritterlicher Existenz und (III) religiöse Verfasstheit von arthurischer Geschichtsdarstellung.
A03 (Krause / Bochum)
Prophetie erzählen: Ein diachroner narratologischer Zugang zu story und discourse in den prophetischen Büchern der Hebräischen Bibel
A03 entwickelt einen diachronen narratologischen Zugang zur prophetischen Literatur und schließt damit eine doppelte Forschungslücke. Erstens sind narratologische Fragestellungen bislang kaum oder gar nicht auf prophetische Literatur angewandt worden. Zweitens beschränken sich die wenigen vorhandenen Beiträge in der Regel auf eine synchronische Analyse des kanonischen Textes. Im Gegensatz dazu wird A03 durch die Anwendung synchroner und diachroner Methoden erstmals das analytische Potenzial, das in einem narratologischen Ansatz zur prophetischen Literatur liegt, systematisch ausschöpfen. Als Fallstudien dienen die Bücher Amos und Ezechiel.
A04 (Morenz / Bonn)
Not lehrt das Geschichtenerzählen: Zwei große gesellschaftliche Krisen und neue Erzählstile über die Vergangenheit im pharaonischen Ägypten
Das Projekt A 04 nimmt zwei herausragend formprägende Phasen des Erzählens im pharaonischen Ägypten in den Blick: a) den Kollaps des alten Territorialstaates, die Ausbildung neuer sozialer Muster und eines neuen narrativen Stiles am Ende des 3. Jahrtausends und b) den Beginn einer neuen Historiographie um 16 v. Chr. Analysiert werden also zwei herausragende Zeitabschnitte, in denen neue narrative Strategien für den Umgang mit Geschichte entwickelt wurden, die einen distinkt „ägyptischen“ Stil von Historiographie prägten.
A05 (Setzer-Mori / Bochum)
Geschichtsdarstellung unter Zensur und Kommerz: Krieger und Herrschaft in populären historischen Romanen des frühneuzeitlichen Japans
Das Projekt A05 untersucht, wie Geschichte im politisch repressiven, doch kommerzialisierten Buchmarkt des frühneuzeitlichen Japan (1600–1868) einem breiten Leserkreis erzählt wurde. Anhand der Beispiele der populären Biografie Ehon Taikōki 絵本太閤記 (Die illustrierten Chroniken des Regenten, 1797–1802), die durch die Regierung verboten wurde, und zwei weiterer Vergleichswerke sucht die Analyse nach narrativen Unterschieden zwischen zensierten historischen Romanen und Texten desselben Genres, die den Vorschriften erfolgreich angepasst wurden.
A06 (Tilg / Freiburg)
John Barclay und der Schlüsselroman des 17. Jahrhunderts: Ursprünge, Formen und Funktionen einer historischen Erzählweise
Dieses Projekt zielt darauf ab, eine neue Geschichte des Schlüsselromans als eigenständige Erzählform zu schreiben. Seine Entstehung lässt sich bis zu den lateinischen Romanen von John Barclay (Euphormionis Lusinini Satyricon, 1605/07; Argenis 1621) zurückgeführt, woraufhin er zu einem allgemeinen literarischen Phänomen des 17. Jahrhunderts wurde. Die Leithypothese lautet, dass der hybride Status des Korpus zwischen Fakt und Fiktion mit bestimmten Ausprägungen der wichtigsten narrativen Parameter zusammenhängt, die vom CRC berücksichtigt werden (Charakter, narrative Struktur, [ideologische] Perspektive und narrative Situation).